Wissensarchiv Eselsmilch · Historische Quelle
Faktencheck: Kam die Eselsmilch mit König Franz I. nach Frankreich?
Eine oft erzählte Geschichte: Ein jüdischer Arzt aus Konstantinopel habe König Franz I. Eselsmilch verordnet. Die ältesten Fassungen, die wir prüfen konnten, stammen aus Nachschlagewerken des 19. Jahrhunderts – nicht aus der Zeit des Königs.
- Urheber
- François Noël (1755–1841) u. a.; Pierre Larousse (1817–1875)
- Werk
- Nouveau dictionnaire des origines (1827); Grand dictionnaire universel du XIXe siècle, Bd. 1 (1866)
- Stelle
- Noël, Bd. 2 (1827), S. 9, Art. „Lait d’ânesse“; Larousse, Bd. 1, Teil 2, Art. „Âne“, Abschnitt III
- Zeit & Raum
- Legende 16. Jh., belegt ab 1827 · Frankreich
- Quellenart
- Faktencheck Legende
Im Wortlaut
Was im Original steht
Ce lait n’est en réputation en France que depuis le règne de François Ier ; et voici comment on l’y a connu.
Diese Milch sei in Frankreich erst seit der Regierung Franz’ I. geschätzt; und so habe man sie dort kennengelernt.
Le médecin juif arriva, et n’ordonna pour tout remède que du lait d’ânesse.
Der jüdische Arzt kam und verordnete als einziges Mittel Eselsmilch.
If we may credit the legend, the use of this milk was introduced into France during the reign of Francis I.
Wenn man der Legende glauben darf, wurde der Gebrauch dieser Milch unter Franz I. in Frankreich eingeführt.
Deutsche Wiedergabe: eigene, sinngemäße Übersetzung der DON DONKEY’S Redaktion.
Hintergrund
Wer, wann, welche Art Text
Franz I. regierte Frankreich von 1515 bis 1547 und pflegte ein Bündnis mit Sultan Süleyman dem Prächtigen. Vor diesem Hintergrund erzählen spätere Autoren, der geschwächte König habe sich einen berühmten jüdischen Arzt aus Konstantinopel kommen lassen, der nur Eselsmilch verordnet habe; danach sei sie bei Hof Mode geworden.
Die Geschichte erscheint in populären Nachschlagewerken des 19. Jahrhunderts, die „Ursprünge“ von Bräuchen und Erfindungen sammelten. Solche Werke übernahmen Anekdoten häufig ohne Quellenangabe.
Inhalt
Was die Quelle zu Eselsmilch berichtet
Noëls „Nouveau dictionnaire des origines“ (1827) erzählt die Episode ausführlich: Der König sei sehr schwach gewesen, seine Ärzte ratlos; er habe seinen Botschafter in der Türkei beauftragt, den Arzt „um jeden Preis“ nach Paris zu holen. Danach hätten die Höflinge beiderlei Geschlechts dieselbe Kur nachgeahmt. Den Artikel beschließt ein Spottvers, man verdanke den Eseln mehr als der Fakultät.
Larousses „Grand dictionnaire universel“ (Bd. 1, 1866) übernimmt die Geschichte in knapperer Form und behauptet, der Gebrauch von Eselsmilch in Frankreich „datiere erst“ von Franz I.
Die amerikanische „Popular Science Monthly“ gibt die Erzählung im Januar 1883 ausdrücklich als Legende wieder („If we may credit the legend … according to the chronicle“).
Eine zeitgenössische Quelle aus dem 16. Jahrhundert nennt keines dieser Werke. Zugleich widerspricht die Kernaussage älteren Texten: Buffon (1753) sowie Parmentier und Deyeux (1799) schreiben, der Gebrauch habe sich „seit den Griechen“ erhalten, und Madame de Sévigné erwähnt Eselsmilch-Kuren 1679/80 als ganz gewöhnlich.
Auf einen Blick
Zahlen & Fakten aus der Quelle
Faktencheck
Überliefert oder erzählt?
König Franz I. von Frankreich sei durch Eselsmilch, verordnet von einem jüdischen Arzt aus Konstantinopel, genesen; erst seitdem sei Eselsmilch in Frankreich in Gebrauch.
Nicht belegt. Die ältesten von uns geprüften Fassungen stammen von 1827 (Noël) und 1866 (Larousse), ohne Quellenangabe; die Popular Science Monthly nennt sie 1883 selbst eine Legende. Die Behauptung, der Gebrauch beginne erst mit Franz I., ist durch ältere Texte (Buffon 1753, Sévigné 1679/80) widerlegt.
Kritische Einordnung
Wie verlässlich ist diese Quelle?
Überlieferung
Alle geprüften Fassungen sind 280 bis 340 Jahre jünger als das angebliche Ereignis und nennen keine Quelle. Eine frühere Herkunft ist möglich, konnte von uns aber nicht nachgewiesen werden.
Innere Widersprüche
Die Behauptung, Eselsmilch sei erst durch Franz I. in Frankreich bekannt geworden, steht im Widerspruch zu antiken Autoren und zu Buffons Feststellung einer ununterbrochenen Tradition seit den Griechen.
Charakter der Erzählung
Die Episode folgt dem Muster einer Wanderanekdote: ein berühmter Herrscher, ein ferner Wunderarzt, ein einfaches Mittel, eine Hofmode. Solche Erzählungen sagen mehr über das 19. Jahrhundert als über das 16. aus.
Heutige Einordnung
Die angebliche Genesung des Königs ist kein Beleg für eine Wirkung von Eselsmilch. Gesundheitliche Wirkungen sind daraus nicht ableitbar.
Unsere Einordnung
Eine schöne Geschichte – aber eben eine Geschichte. Wir erzählen sie gern weiter, allerdings als das, was sie nach heutigem Kenntnisstand ist: eine Anekdote aus Nachschlagewerken des 19. Jahrhunderts.
Nachweise
Quellen zum Nachprüfen
- PrimärquelleNoël, Nouveau dictionnaire des origines, Bd. 2, S. 9 (archive.org)
https://archive.org/details/b33488083_0002/page/n16/mode/1up - PrimärquelleLarousse, Grand dictionnaire universel, Bd. 1 (Wikisource)
https://fr.wikisource.org/wiki/Page:Larousse_-_Grand_dictionnaire_universel_du_XIXe_si%C3%A8cle_-_Tome_1,_part._2,_An-Ar.djvu/36 - PrimärquellePopular Science Monthly, Jan. 1883, S. 426 (Wikisource)
https://en.wikisource.org/wiki/Page:Popular_Science_Monthly_Volume_22.djvu/440
Weitere Quellen und Studien im Forschungsarchiv. Zusammengefasst von der DON DONKEY’S Redaktion, Stand: November 2026.
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